Resas Ramblings

An-, Drauf- und Einsichten meinerseits

Der 29c3 aus Sicht eines A-Team-Engels

Über den 29c31 ist im Zusammenhang mit der Anti-Harassment-Policy bereits viel geschrieben worden. Um nicht so viel zu wiederholen, berichte ich hier vor allem von meiner Arbeit als Mitglied des Awarenessteams (kurz A-Team), und verlinke am Ende des Texts einige Artikel mit allgemeineren Punkten und Aussagen, die ich größtenteils wichtig finde.

Disclaimer: Achtung, das hier wird lang.
Außerdem fiel mir auf, dass die ganze Debatte sehr sexismuszentriert ist, obwohl auch andere Diskriminierungsformen wie beispielsweise Rassismus und Homophobie eine wichtige Rolle spielen. Da meine konkreten Erfahrungen auf dem 29c3 sich nahezu ausschließlich auf Sexismus beziehen, ist auch dieser Artikel sexismuszentriert. Ich bitte dies zu entschuldigen und würde mich sehr über mehr diverse Perspektiven freuen. Insbesondere frage ich mich, welche Rolle Mehrfachdiskriminierung (z.B. weiblicher Menschen mit Behinderung) spielt. In diese grobe Richtung kam bisher soweit ich weiß nur ein Beitrag, den ich unten verlinkt habe.

Bereits das Jahr über hatte ich mich sehr viel mit Feminismus, Antidiskriminierungsarbeit und Konzepten zur Umsetzung eines Safe Space2 beschäftigt. Ursprünglich war für den Congress zum Jahresende nur eine entspannte Runde mit lieben Leuten, die ich das Jahr über viel zu selten gesehen hatte, geplant. Allerdings kam es anders: Schon im Vorfeld des 29c3 kochten Debatten um Sexismus in der Nerd-/Geek-/Hackerkultur im Allgemeinen und auf dem Chaos Communication Congress im Speziellen hoch, insbesondere durch die unsägliche Klotürdebatte. Ich teile im Wesentlichen die Kritikpunkte an dieser Tür, aber die Diskussions- und Streitkultur insbesondere auf Twitter hat mich traurig gemacht und nahm mir die Lust, mich dazu zu äußern. Leute, die ich sehr schätze, regten sich lieber übereinander auf, als wirklich miteinander zu kommunizieren und aufeinander einzugehen. Es ist natürlich unrealistisch, zu hoffen, dass sich Probleme wie von selber lösen, wenn man die Leute nur an einen Tisch bringt, aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es durchaus was bringen kann, zunächst den Menschen über die Sache zu stellen, auf Gemeinsamkeiten aufzubauen und sich nicht von einzelnen Formulierungen triggern zu lassen.

Nun wurde ich also gefragt, ob ich auf dem 29c3 beim Awarenessteam mitmachen will, um die Anti-Harassment-Policy3 umzusetzen. Trotz einiger Zweifel und Kritik, die ich im Vorfeld mitbekam und die ich auch teilte, entschied ich mich dafür. Ich sah darin eine Chance, die Umsetzung der Policy aus erster Hand mitzuerleben, um sie dann tatsächlich beurteilen zu können, und gleichzeitig die Möglichkeit, den Congress zu einem angenehmeren Ort für meine Mitmenschen und mich zu machen.
Es existierte eine sehr ausführliche Vorarbeit einiger Engel, die das Awarenessteam (recht schnell auf „A-Team“ gekürzt und im Folgenden so bezeichnet) organisierten, und dafür zunächst „No-Gos“ sammelte, beispielsweise sexuelle Belästigung, Stalking und Tragen von Kleidung mit Nazisymbolen. Hier existierte ein klarer Ablauf an Eskalationsstufen, sodass es uns als offiziellem Team möglich sein sollte, bei entsprechenden Vorfällen Verwarnungen auszusprechen oder Leute der Veranstaltung zu verweisen. Außerdem existierte ein ausgefeiltes Konzept zur Mediation von Streit, bei dem wir als Konflikthelfer*innen auftreten sollten, die vermitteln, ohne Partei zu ergreifen. Das passte für mich spontan nicht mehr so richtig in den Kontext von „Awareness“ und damit hatte ich kaum Erfahrung, aber davon ließ ich mich nicht abschrecken.

Auf der Veranstaltung angekommen lernte ich dann den Rest des A-Teams persönlich kennen. Es bestand inklusive mir aus insgesamt acht Menschen (vier männlich und vier weiblich), wovon jeweils zwei zugleich Schicht hatten und mit jeweils einem Telefon rumliefen. Die Telefone hörten auf die Nummer 113 im internen DECT-Netz und waren mit einer etwas komplizierteren Vorwahl auch von außen erreichbar. Zunächst hieß es nur, es solle auf Anrufe reagiert und gegebenenfalls mit der anderen Schicht habenden Person beraten werden, was zu tun ist: Vermittlung zwischen zwei Parteien, Aussprechen einer Verwarnung, Eskalation zu einer höheren Instanz wie beispielsweise einem Security-Engel.
Während ich noch entspannt im Eröffnungsvortrag von Jacob Appelbaum saß, ging ein Bild durch meine Twitter-Timeline, das einen nackten, kopflosen Frauenkörper aus Creeper-Cards4 zeigte. Für mich wie für viele andere, die damit konfrontiert wurden, hatte dieses Bild die klare Aussage: Hier nehmen Leute die Creeper-Cards nicht nur nicht ernst, sondern demonstrieren „Der Congress ist unser Ort, den markieren wir jetzt. Wir nehmen Antidiskriminierungsarbeit nicht ernst, wir machen was wir wollen und ihr könnt nichts dagegen tun“. Im Nachhinein sehr interessant, nachzulesen, dass die „Künstlerin“ sich dessen wohl gar nicht bewusst war.5 Die Timeline war jedenfalls in Aufruhr, und ich wurde immer unruhiger, weshalb ich aus dem Vortrag rausging, um meine A-Team-Kolleg*innen aufzusuchen. Bei denen war zumindest telefonisch noch keine Beschwerde angekommen und sie waren vor allem damit beschäftigt, den Leuten zu erklären, dass die Creeper-Cards nicht von ihnen kamen, sondern ein Projekt dritter waren. Als ich den Fall mit der nackten Frau aus Karten meldete, war jedoch sehr schnell Konsens, dass es sich um eine nicht hinzunehmende Provokation handelte, die besser entfernt werden sollte. Also gingen wir an den Ort des Geschehens, wo die Urheberin der Darstellungen grade nicht anwesend war. Wir sprachen eine Verwarnung aus, hinterließen ein Gesprächsangebot und nahmen die nackte Frau aus roten und den Penis aus grünen Karten erst mal ab. Für „Hacks“ mit Creeper-Cards war dies auch in den folgenden Tage unsere Linie: Kritik an den Karten ist nicht gegen die Policy, sexistische Kritik an den Karten jedoch schon. Ein Spiel auszurufen, wer die meisten Karten einsammelt, verstieß also ebenfalls dagegen.

Später stellte sich heraus, dass wir als „menschliches Gesicht der Policy“ dennoch sehr heterogen waren, was konkrete Handlungsvorstellungen anging. Bei der Besprechung an Tag 1 wurde viel diskutiert: Wollen wir uns nur mit direkten Beschwerden per DECT auseinandersetzen, nehmen wir auch nicht direkt an uns gerichtete Beschwerden auf Twitter auf und gehen denen nach, oder laufen wir proaktiv rum und sprechen Sachen an, die uns auffallen? Wie vermeiden wir es dann, die Leute zu bevormunden und zur „Sittenpolizei“ zu werden, vor der sich viele fürchten? Inwieweit können wir selber Vorfälle „melden“, wenn wir doch danach möglicherweise vermitteln sollen?
Wir waren uns sicherlich nicht immer am Ende einig, aber haben zumindest Handlungen im Konsens hingekriegt. Ich fand es sehr wichtig, mit einer anderen diensthabenden Person gegenzuchecken, was grade eine angemessene Maßnahme wäre. Ein Beispiel dafür ist eine Beschwerde, die uns per Mail zuging, als ich gerade Schicht hatte: Während eines Vortrags war in einem offiziellen 29c3-IRC-Channel ein (öffentlich zugängliches) Bild von einer der Sprecherinnen gepostet worden, das sie im Bikini zeigt, mit der Bemerkung „Nice!“. Eigentlich sollte es für Vortragende selbstverständlich sein, dass sie sprechen können, ohne dass ihr Aussehen unpassenderweise in den Mittelpunkt gerückt und bewertet wird. Insbesondere, weil bei einer Frau auf diese Art gern mal von der Kompetenz abgelenkt wird und sie zum bloßen „Schmuckstück“ abgestempelt wird. Mein Schichtpartner und ich einigten sich darauf, den Menschen ausfindig zu machen, der das Bild gepostet hatte, und ihm klar zu sagen, dass dieses Verhalten gegen die Policy verstößt und hier nicht erwünscht ist. Es reichte uns für eine Verwarnung, aber nicht für einen Rauswurf. Wir erreichten ihn schließlich irgendwann per GSM, luden ihn in den Heaven, den Engel-Stützpunkt, ein und mein Kollege führte das Gespräch, damit wir ihn nicht zu zweit niederreden. Er war einsichtig. Ja, so ein persönliches Gespräch war sicher noch mal ne ganz andere Erfahrung, als nur irgendwo unpersönlich im IRC zu posten oder sich auf Twitter aufzuregen.

Sehr stark fiel mir auf, dass wir relativ unsichtbar waren, sowohl bei den anderen Engeln und am Infodesk als auch bei den Besucher*innen. Das Infodesk verwies einen Teilnehmer, der einen Workshopraum suchte, zu mir an die Hotline… uff, ja… Sorry, not my department? Allerdings ist bei den Wellen, die die gesamte Sache hier momentan schlägt, davon auszugehen, dass nächstes Mal alle zumindest Bescheid wissen, dass es ein A-Team gibt und wofür es in etwa da ist. Dennoch hätte ich mir mehr physische Hinweise gewünscht: Hinweise (Flyer?) am Infodesk, Schilder mit der DECT-Nummer, äußere Erkennungszeichen für die A-Team-Engel (Shirt o.ä.), einen gut zugänglichen Anlaufpunkt mit nah dran liegendem Rückzugsort für Gespräche. Obwohl die DECT-113 der einzige „offizielle“ Kanal war, kam gefühlt die Mehrheit der Meldungen an das A-Team nicht darüber, sondern per Engel-Flurfunk, per Mail oder persönlich. A-Team-Kolleg*innen, die bekannter sind als ich, berichteten, dass sie andauernd auf das Team angesprochen wurden, wobei es sich dabei vor allem um neugierige Nachfragen handelte. Bei mir lief es eher in die andere Richtung, ich erzählte „Schau mal, dieses Telefon hier hört auf die 113, ich bin nämlich im Awarenessteam, kennst du die…?“ – und niemand hatte was davon gehört. Vermutlich hätten auch im Fall eines Übergriffs eher die gut vernetzten, alteingesessenen Besucher*innen eine einfache Anlaufstelle gehabt, weil sie Menschen von A-Team kannten, Neulinge hingegen eher nicht. Ich verstehe, dass wir unseren Zuständigkeitsbereich irgendwie eingrenzen mussten und nicht unbedingt auf jeden Troll auf Twitter reagieren müssen, allein weil unser Ansatz ja war, Leute zum Miteinander-Reden zu bringen. Aber geschätzt 85% der Leute hatten diesmal kein DECT- oder GSM-Telefon und die meisten davon wussten auch nicht, dass z.B. an jeder Bar ein solches Telefon zu finden gewesen wäre.
Allgemein war der Informationsfluss von offizieller Seite nach außen leider sehr gering. Ich verstehe, dass alle viel zu tun hatten und es höchste Priorität hatte, die Veranstaltung am Laufen zu halten. Ich kann auch nachvollziehen, dass sich die Orga um die Außenwirkung des Congress sorgt, wenn so viel über Sexismus berichtet wird. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass Vorfälle sowieso nach außen dringen und das Fehlen einer offiziellen Stellungnahme die Außendarstellung verschlechtert anstatt verbessert. Es wäre meiner Meinung nach sinnvoll gewesen, sich als A-Team mehr öffentlich zu positionieren und zu kommunizieren, was wir getan haben. Dann hätte sich auch nicht in einigen Kreisen der Eindruck breitgemacht, die Policy würde nicht wirklich durchgesetzt.

Noch ein paar Worte zum Thema Awareness. Ich hatte den Eindruck, Sexismus auf dem 29c3 wirkte nicht vordergründig in direkten An- oder Übergriffen oder Beleidigungen, sondern subtiler. Vorträge, die von einem männlichen Zielpublikum ausgehen und davon abweichenden Menschen das Gefühl vermitteln, nicht angesprochen zu sein und nicht für voll genommen zu werden. Der Klassiker „Selbst deine Mutter kann das verstehen“, der der Haeckse mit Kind zwar ein müdes Lächeln entlockt, aber zumindest ein schlechtes Gefühl vermittelt. Die ironische Nachfrage, wie man „als Frau“ denn dieses und jenes sieht und die Implikation, man würde damit für alle Frauen sprechen. Die Beschwerde, es gäbe ja gar keine Frauen auf diesen Veranstaltungen, weswegen man „keine abbekäme“, als wäre der einzige Zweck einer Nerdette, einen einsamen Nerd glücklich zu machen, und die Frau, die sich diese Beschwerde anhören muss, fühlt sich noch verarscht: „Hallo, ich steh direkt hier, sieht der mich nicht?“
Diese kleinen Dinge können in der Masse tief sitzen, aber würde man für jeden einzelnen das A-Team anrufen, insbesondere dann, wenn die eigenen Freund*innen diese Aussagen gemacht haben und man gerne nicht die nächsten paar Tage ohne Peer Group dastünde? Diese kleinen Dinge sind vielen vermutlich gar nicht bewusst, sondern gehören halt „irgendwie dazu“, und wenn sich jemand darüber aufregt, wird diese Person bestenfalls als sensibel und schlimmstenfalls als „feministische Extremistin“ tituliert. Ich kann dieses Wort nicht mehr hören, und das obwohl ich noch nicht mal so genannt wurde.

Awarenessarbeit, wie ich sie verstehe, heißt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eben auch diese kleinen Dinge zählen und zu einer Atmosphäre beitragen, die den Congress für Frauen zu einem ungemütlichen Ort machen kann, außerdem am besten auch ein Bewusst sein dafür, dass wir das so nicht wollen. Und nein, ich finde nicht, dass der Congress „besonders schlimm sexistisch“ ist. Die Gesellschaft hat sexistische Stereotype und Denkweisen tief verinnerlicht, und der Congress existiert innerhalb dieser Gesellschaft. Nur ist der Congress und die zugehörige Nerd-/Geek-/Hackerkultur eine Sphäre, die wir leichter positiv verändern können als die gesamte Gesellschaft. Und ich habe da insbesondere Hoffnung, weil ich in dieser Kultur so viele tolle Menschen kennengelernt habe, mit denen man reden konnte.
Deswegen wünsche ich mir für die Zukunft, aber auch für den nächsten Congress zusätzlich zum A-Team mehr freiwillige Informationsangebote, gerne auch „Erklärbären vom Dienst“, die präsent sind.

Zum Abschluss nun einige weitere Artikel, die sich um die 29c3-Policccy-Debatte drehen:

  1. 29. Chaos Communication Congress, https://events.ccc.de/congress/2012/wiki/Main_Page []
  2. Nach meiner Definition: Raum, in dem Menschen möglichst wenig Diskriminierung ausgesetzt ist und, sollte diese auftreten, mit der Solidarität der Anwesenden rechnen kann []
  3. Öffentliche Absichtserklärung, die Veranstaltung zu einem sicheren und angenehmen Erlebenis für alle Menschen zu machen, ungeachtet Geschlecht, Alter, Aussehen usw. Zu finden hier: https://events.ccc.de/congress/2012/wiki/29C3_Anti-Harassment_Policy []
  4. Rote, gelbe und grüne Karten, die übergriffiges Verhalten sanktionieren, aber auch vorbildliches belohnen sollen. Infos hier: http://creepermovecards.de/ []
  5. Hier in ihrem Blog nachzulesen: „Oh teh drama – or why I stickered a naked headless female on the wall“ http://mirromaru.tumblr.com/post/39382307717/oh-teh-drama-or-why-i-stickered-a-naked-headless []

33 Kommentare

  1. Hallo Theresa,

    vielen Dank für den Bericht, so eine Innenansicht der Arbeit des A-Teams hatte ich mir gewünscht.

    Ansonsten noch: Ich würde dir zustimmen, dass die Hacker/Nerd-Szene auch nicht schlimmer sexistisch ist als der gesellschaftliche Durchschnitt – aber eben auch nicht besser. Was mich stört, ist ein fehlendes Problembewußtsein und die extreme Pienzigkeit, wenn man (sogar ruhig und freundlich) darauf hinweist, dass ein Spruch oder eine Aktion gerade blöde stereotypisierend/sexistisch/misogyn/homophob war, inklusive detaillierter Erklärbärungen. Da wird dann nur mit den Augen gerollt oder irgendwas von Postgender gefaselt und man ist in Nullkommanix die unrasierte feministische Spaßbremse und damit – Außenseiter. Das hat mir auf Dauer die Community etwas verleidet, weil ich dort viel zu oft in Situationen komme, in denen ich die Wahl habe: Ärger runterschlucken und nichts sagen (-> Frust), oder Stinkereien riskieren mit Menschen, die ich doch eigentlich mag (-> auch Frust).

    Insofern: Hochachtung für deine Arbeit im Awareness-Team; ich hab das inzwischen aufgegeben und den Rückzug angetreten.

    • Hallo li5a,

      danke für deinen Kommentar.
      Die von dir angesprochenen Mechanismen konnte ich auch beobachten. Ja, Awarenessarbeit ist furchtbar anstrengend und ich kann gut verstehen, wenn Leute dafür grade keine Kraft (mehr) haben und sich lieber anderen Dingen widmen. Ohne meinen Rückzugsort mit lieben Menschen und ohne deren Unterstützung wäre die Arbeit um ein Vielfaches schwieriger gewesen. Ohne die Möglichkeit, mal aus der Rolle des „Erklärbärs“ (ich mag das Wort nicht wirklich, aber es kann leider jede*r was damit anfangen…) auszusteigen, ist Awarenessarbeit wohl unzumutbar.
      Grade hier sehe ich die Chance, ein „offizielles“ A-Team sinnvoll einzusetzen: In dieser Rolle signalisieren Engel die Kraft und Motivation, auf Leute einzugehen und auch oft gehörte Argumente zum gefühlt hundertsten Mal zu kontern. Währenddessen können andere von ihrem Recht Gebrauch machen, die Sache einfach grade sein zu lassen und die eigenen Nerven zu schonen, indem sie vielleicht kurz Unmut ausdrücken, aber nicht kämpfen müssen, sondern auf ein bestehendes Informationsangebot verweisen können.

    • „Ich würde dir zustimmen, dass die Hacker/Nerd-Szene auch nicht schlimmer sexistisch ist als der gesellschaftliche Durchschnitt“

      srsly?

      Also nach Sexusmus anfangen zu suchen sollte man woanders.

      • Das Ding ist: Wir suchen nicht aktiv danach, wir stolpern darüber, ob wir wollen oder nicht.
        Wie auch im Artikel angemerkt fallen dieselben Sachen, die einigen Leuten schwer aufstoßen, anderen möglicherweise gar nicht auf. Ich kann nachvollziehen, dass es für diese so aussieht, als suchten wir danach. Meiner Erfahrung nach ändert sich diese Wahrnehmung, wenn man selbst dafür sensibilisiert wurde, was so alles an „kleinen Dingen“ in Sexismus reinspielt. Rote Pille geschluckt, und plötzlich ist es überall…
        Siehe auch: http://www.sinfest.net/archive_page.php?comicID=4051

  2. Pingback: Linkliste | stk

  3. Danke für diesen sehr interessanten Blogpost!

    Ich finde deine Beobachtung interessant, dass das A-Team in erster Linie bei (körperlicher oder sonstiger) Gewalt oder Übergriffen helfen könnte, das Hauptproblem aus deiner Sicht aber eher unauffällige Ereignisse sind.

    Auf dem GenderCamp 2012 hat sich das Awarenessteam (vermutlich aus der gleichen Überlegung heraus) zwar auch als ständige Ansprechpartnerin verstanden, aber auch viel Zeit und Arbeit in andere Tätigkeiten investiert, die gegen ständige, niedrigschwellige Ausschlüsse und Gewalt helfen sollten. Unter anderem haben sie viel an der Gestaltung des Veranstaltungsortes gearbeitet, Informationszettel mit Handlungsvorschlägen und Duschampeln aufgehängt, einen Rückzugsraum gestaltet, Regeln z. b. für Diskussionen entwickelt, Namensschildchen mit Pronomen-Hinweisen ausgeteilt, etc.

    Wenn ihr als Congress-A-Team denkt, dass eure eingesetzten Mittel nicht unbedingt zu den analysierten Hauptproblemen passen, solltet ihr euch trauen, diese zu ändern.

    Allerdings – das sollte jetzt nicht allzu sehr überraschen – je mehr ihr versucht am Kern der Sache zu arbeiten, desto größer wird der Widerstand. Das Awarenessteam auf dem GenderCamp hat einen großen Anteil an der Organisation der Veranstaltung gehabt, und ich halte es für unwahrscheinlich, dass ihr so viel Einfluss auf dem Kongress bekommt. Selbst auf dem GenderCamp hat es im Endeffekt nicht wirklich funktioniert.

  4. Ich stelle mir ja immer wieder die Frage ob man nicht als Erwachsener den ein oder anderen Spruch einfach ignorieren kann anstatt einfach wie ein wilder mit irgendwelchen bunten Zettelchen um sich zu werfen. Sind ja nicht im Kindergarten. Je mehr ich zu dem Thema, als Aussenstehender, lese desto weniger habe ich das Gefühl das es sich hierbei um eine „Hacker Veranstaltung“ handelt.

    Oder wird da wohl wärmer gekocht als gegessen?

    • Die Kritik an den Creeper Cards, auf die du anzuspielen scheinst, ist mir bekannt und ich stimme vielen Punkten im verlinkten Artikel von Neuberlinerin zu. Allerdings macht das einerseits die Karten nicht obsolet, die haben durchaus ihre Existenzberechtigung. Andererseits sollte Kritik an den Karten nicht mit Kritik an Antidiskriminierungsarbeit verwechselt werden.
      Ich bitte dich also, deine Erfahrung als Außenstehender nicht zu verallgemeinern. Mal ein paar blöde Sprüche wegstecken, schön und gut, aber dieselben Sprüche jahrelang andauernd zu hören und gleichzeitig als Techie nicht ernst genommen werden spielt da in einer anderen Liga. Insbesondere, wenn dieselben Mechanismen mit Problemen wie ungleicher Bezahlung und geringeren Aufstiegschancen zusammenhängen.
      Es kam aus deinem Kommentar nicht ganz klar heraus, aber Awarenessarbeit als „Kindergarten“ abzuwerten ist definitiv nicht zielführend. Inwiefern diese den Congress als Hackerveranstaltung (Spieltrieb, du erinnerst dich?) diskreditieren sollte, ist mir auch nicht klar. Aber vermutlich lohnt es nicht, an dieser Stelle darüber zu diskutieren.

      • Ich vermute mal doch, denn ich diskutiere gerne und ich lasse ich mich auch gerne eines besseren belehren.

        Fakt ist (und da spreche ich jetzt rein von meiner Timeline) das ich auf Twitter zu dem Thema 29c3 zwar haufenweise Heulerei wegen Sexismus gelesen habe aber keinerlei themenbezogene Tweets wie z.b. „Hey toller Vortrag bla“ und da entsteht nunmal der Eindruck das Themen wie Awarenessteam, Sexismus, Feminismus etc. die eigentliche Grundlage einer solchen Veranstaltung bilden. Ich will da auch nichts abwerten, kommt mir halt nur so vor.

        Kindergarten war im Bezug auf das „wahllose verteilen“ von Creeper Cards gemeint. Da liest man z.b. von Leuten die sowas bekommen weil sie einer Frau die Tür aufhalten. Da hätte ich dann aber ne Menge Zettel bekommen 😉

        Oh und zum Thema „blöde Sprüche“ bin ich in meinem Leben auch nie leer ausgegangen, sei es wegen meiner Haarfarbe, meiner Körperfülle oder meiner Religion. Aber letztendlich habe ich die Wahl mit wem ich mein Bier trinken möchte und wenn ich da nunmal auf Anfeindungen stoße habe ich die Möglichkeit der Person das zu sagen anstatt ihm nen Ticket zu geben weil ich nicht die Eier habe ihm/ihr es zu sagen oder ich ignoriere es einfach oder man sucht sich eben Leute mit denen man kann.

        Was ich auch schade finde ist, das man überhaupt so ein Awarenessteam braucht. Ich habe über 10 Jahre lang LAN Parties organisiert mit 600+ Leuten, auch mit einem verhältnismäßigen hohen Frauenanteil. Ein solches Team brauchten wir allerdings nie, es hat sich auch keiner benachteiligt gefühlt und das es überall schwarze Schafe gibt die mal nen dummen Spruch drücken. Aber damit muss man als Frau genauso wie als Mann zurecht kommen.

        Die Problematik mit dem Gehalt und den Aufstiegschancen höre ich oft und dazu kann ich leider nichts sagen da ich damit noch keine Erfahrungen gemacht habe. Ich hab Mediendesigner gelernt und war damals einer von 8 Männern in einer Klasse von 30 Studierenden. Bei uns gabs das einfach nicht so, einige meiner ehemaligen Mitschüler verdienen mehr als ich, andere wiederum weniger. Ich würde jedenfalls nicht in einem Betrieb arbeiten der mir aufgrund meines Geschlechts die Aufstiegschancen nimmt. Letztendlich ist es ja auch meine Entscheidung wo ich arbeite und da gibts nunmal Dinge die ich nicht unterstützen möchte und dann arbeite ich dort auch nicht.

        So, das war’s erstmal. Wünsche dir noch einen schönen Abend und nicht immer gleich nur das negative rauslesen 😉

        • Ich kann ja nur für mich sprechen, aber auf dem Kongress gab es so dermaßen viel Input (sowohl positiv wie auch negativ), dass ich einfach schlicht weder zeit noch lust auf twitter hatte. Dürfte damit nicht alleine gewesen sein

        • Phil, neben Twitter gab es zu jedem Vortragssaal einen Channel im IRC. Vorträge wurden vor allem dort kommentiert. Schon aus dem einfachen Grund, dass die Signal Angels im IRC mitgelesen und gegebenenfalls Fragen oder Anmerkungen direkt in die Diskussion eingespeist haben. Andere Frage: Du hast (relativ wortreich, SCNR) erklärt, dass dumme Sprüche halt vorkommen und man lernen sollte, damit umzugehen. Wobei „damit umgehen“ für dich offenbar bedeutet: Selten direkt ansprechen, meist ignorieren. Oder die Situation verlassen. Kann man so sehen. Ist auch meine Art. Trotzdem finde ich es gut, wenn es für Menschen, die mit direkter Kommunikation (aus welchem Grund auch immer) momentan Schwierigkeiten haben, oder denen nach dem xten blöden move eines kommunikationsresistenten Gegenübers der Kragen platzt, verbindliche Ansprechpartner gibt. Wenn diese Ansprechpartner dann auch noch so reflektierte und vernünftige Leute wie die Engel des 29c3-ATeams sind, dann verstehe ich eigentlich nicht, wie man damit ein Problem haben kann.

          • Vielleicht habe ich mich ja ein wenig unbeholfen ausgedrückt aber ich habe kein Problem mit so einem Team, eher ein Problem damit das die Notwendigkeit besteht ein solches zu organisieren weil es manchen Menschen offensichtlich an richtigen Umgangsformen mangelt (Frauensprüche) und auf der anderen Seite welche sind die Höflichkeit sofort mit Diskriminierung gleichsetzen (Tür aufhalten = gelbe Karte). Ich hätte Missachten dieser beiden Dinge jedenfalls eins hinter die Löffel bekommen von meiner Mutter.

        • Du beschreibst sicherlich ganz nett ein paar Möglichkeiten, die ich als Individuum habe um auf Belästigungen und Benachteiligungen selbst zu reagieren. Aber das sind letztlich nur Workarounds für ein kaputtes System! Wir Hacker geben uns doch auch sonst nicht damit zufrieden, dass wir identifiziert haben wie kaputt ein System ist, von dem Millionen von Menschen betroffen sind. Wir prangern das an und greifen das an und machen Verbesserungsvorschläge, bis das verdammt nochmal gefixt ist.

          Genau darum geht es bei Sexismus. Bei gläserner Decke. Bei unequal pay. Das sind Bugs im System, die Menschen schaden. Du schreibst im wesentlichen zu dem Bugreport ein nutzloses „works for me! Warum schreit ihr denn alle so wegen dieser Bugs rum? Und man kann die doch so oder so umgehen?“.

          Vielleicht fällt dir jetzt auf, warum dein Post ziemlich problematische Verharmlosung ist. Denn bei diesen Bugs geht es nicht darum, dass ein paar Minuten lang die Rechner ausfallen und man ein paar Urlaubsfotos verliert. Es geht hier um die grundlegenden Lebensperspektiven und Freiheiten von Menschen, verdammt!

          • Naja, dazu kann ich leider nur sagen das es letztendlich dein Problem ist für wieviel du dich an eine Firma verkaufst. Ich habe Mediendesigner gelernt und war einer von insgesamt 8 Männern in einer Klasse bestehend aus 30 Studierenden. Auf die Problematik mit den Frauen will ich da jetzt mal nicht eingehen. Was ich dir aber sagen kann ist das es bei uns gut durchwachsen zugeht was die Gehaltsklassen angeht. Manche verdienen mehr, manche weniger als ich. Das hat nichts damit zu tun ob es nun Männlein oder Weiblein ist. Eine Kollegin von mir macht den gleichen Job und bekommt 5000 € mehr im Jahr. Fühle ich mich jetzt diskriminiert? Geh da arbeiten wo es die Probleme nicht gibt anstatt solche Läden mit deinen Fähigkeiten noch zu unterstützen oder dich irgendwo auszuheulen das ja alles so scheiße ist und ja alle so ungerecht zu Frauen sind.

            Ich bin jetzt auch nicht pissig weil ich weniger Geld bekomme als eine Frau und Aufstiegsmöglichkeiten habe ich hier in dieser Firma auch nicht. Also werde ich wohl wechseln müssen, so einfach ist das.

  5. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Awareness-Team

  6. Kurzer Nachtrag zum Thema „Infodesk“:

    Dieser Anruf kam von mir, weil ein Teilnehmer/Referent vor mir stand, welcher erläuterte, dass er zusammen mit dem A-Team einen Workshop machen möchte und dafür mit euch zusammen einen Rahmen und Raum finden möchte.

    Nach einer länglichen Erklärung dieses Sachverhaltes für gut 5 Minuten habe ich dann zum Telefon gegriffen um diesen Referenten-in-spe und das A-Team zusammenzubringen. Just in diesem Moment fiel dem guten Mann jedoch auf, dass er eigentlich doch garnichts _mit_ dem A-Team machen möchte und er überhaupt vielleicht doch seinen Workshop garnicht halten möchte.

    Ansonsten gab es – zwecks Unsichtbarkeit – nur die Parole an den Infodesk, man möge, wenn Leute sich mit Problemen melden, diese kurz am Rand warten lassen, während man per 113 das A-Team herbeiruft – die Nummer sollte jedoch nicht einfach „ausgelegt“ werden. Retrospektiv betrachtet (und wie auch schon an diversen Stellen festgestellt) ein Widerspruch, da die Nummer ja auch öffentlich durch das A-Team kommuniziert wurde. Jeder Infodesk-Engel, welcher des Lesens mächtig war – hat aber eine entsprechende Information mit der Nummer hinterm Tresen finden können.

    • Ah, das erklärt es natürlich. Danke. :)
      Der Workshop kam übrigens letztendlich noch zustande und war zumindest in der ersten halben Stunde, in der ich da war, ein gutes Gespräch.

  7. Danke für diesen Einblick! Mir scheint: A-Team has been excellent. Ich würde übrigens sehr davon abraten, starre Regeln einzuführen oder kurzfristig Kompetenzen ausweiten zu wollen. Die ruhige, persönliche, gespächsorientierte, stets die eigene Position reflektierende Vorgehensweise, wie sie auch in deinem Blogpost deutlich wird, verändert langfristig mehr. Weil sie durch das eigene Beispiel unterstreicht, dass es letzlich nicht um Macht, Dominanz oder Denkverbote gehen kann bzw. soll. Sondern darum, dass Menschen in fairer und freundlicher Weise mit Menschen interagieren.

    Was mich ansonsten noch beschäftigt: Ich gehe davon aus, dass du Andreas Bericht über eure Arbeit auf dem 29c3 bestätigen kannst, siehe

    http://adainitiative.org/2013/01/ending-sexism-in-hacker-culture-a-work-in-progress/#comment-10376

    Es ärgert mich nun schon seit Tagen, dass Adainitiative diesen Bericht mit „normally we would not publish this comment for several reasons“ abtut. Es aber nicht für nötig hält, auch nur einen einzigen der angeblichen Gründe zu benennen. Ähnlich bei geekfeminism.wikia.com (auf die Adainitiative bezüglich der incidents verweist). Siehe

    http://geekfeminism.wikia.com/wiki/Chaos_Communications_Congress_29_incidents

    sowie

    http://geekfeminism.wikia.com/wiki/Talk:Chaos_Communications_Congress_29_incidents#2012_.2F_December_.2F_29C3

    Ich habe geekfeminism mehrfach um Korrektur bzw. Erläuterung ihrer editing policy gebeten. Einziges Ergebnis bisher: Die Darstellung ist mindestens genauso (wenn nicht noch) verkorkst(er) als in früheren Versionen. Aktuell wird dort behauptet, dass beim A-Team 20 Hinweise eingegangen seien. Und dass zusätzlich zu diesen 20 complaints noch [Liste von incidents] vorgefallen sei. Tatsächlich nennt die Liste aber nahezu ausschliesslich incidents, über die das A-Team informiert war (und auf die es erfolgreich reagiert hat!). Nun, so kann man Zahlen auch verfälschen …

    Frage daher: Wird es noch eine Art „offiziellen“ Abschlussbericht des CCC-A-Teams geben? Und: Könnten vielleicht ein paar Menschen außer Andreas und mir versuchen, bei geekfeminism für eine Richtigstellung zu sorgen? Besonders klasse fände ich es ja, wenn Korrekturaufforderungen aus den Reihen derer kämen, die den CCC bzw. das A-Team für eine vermeintlich unzureichende Policy kritisieren. Weil es nämlich hilft, erstmal Fakten zu klären. Das ist die Basis, um dann über eine Bewertung dieser Fakten (und damit letztlich über Zukunft) in’s Gespräch zu kommen.

    • Also exzellent ist zuviel gesagt, schließlich gibt es noch einiges an Verbesserungspotential. Und ja, es geht gerade um den Abbau von Macht und Dominanz, und es geht keinesfalls um Denkverbote. Auf Andeutungen in die Richtung reagieren insbesondere wir Menschen aus der Nerd-/Geek-/Hackercommunity erfahrungsgemäß sehr allergisch.
      Soweit ich mich entsinne, ist es geplant, dass sich das A-Team im Nachgang noch einmal trifft und möglicherweise einen gemeinsamen Abschlussbericht verfasst, wobei wohl auch auf der Abschlussveranstaltung schon ein kurzes Resümee gezogen wurde. (Ich war nicht anwesend, aber die inhaltlichen Punkte wurden im Vornherein vom Team abgenickt.)
      Und ja, auf Geekfeminism und bei der Adainitiative kursieren offenbar einige falsche Fakten. Das ist schade, denn auch hier hab ich das Gefühl, dass beide „Parteien“ das Gleiche wollen. Soweit ich weiß, wurde auf Geekfeminism noch einmal darauf hingewiesen und ich hoffe, sie korrigieren es noch. Vielleicht würde ein abschließendes gemeinsames bzw. offizielles Statement hier sogar helfen.

  8. Wenn ihr als Congress-A-Team denkt, dass eure eingesetzten Mittel nicht unbedingt zu den analysierten Hauptproblemen passen, solltet ihr euch trauen, diese zu ändern.

    Wie Andreas bereits unter dem Artikel der Adainitaitive[¹] kommentierte, war das von uns analysierte Hauptproblem immer der latente Sexismus. Dieser ist auf dem Congress ebenso ausgeprägt wie im Rest der Gesellschaft. Er äußert sich vornehmlich in „Kleinigkeiten“ wie bspw. dummen Sprüchen oder provokativen Darstellungen. Physische Übergriffe und köperliche Sexismen kann es in der Vergangenheit durchaus gegeben haben, sie sind uns aber nicht bekannt und stehen daher auch nicht im Fokus unserer Überlegungen. Man wirft uns/der CCC-Orga aufgrund dieser Aussage mangelndes Problembewußtsein vor. Ich denke, wir sind uns der Probleme ausreichend bewußt, lediglich die Wahl unserer Mittel im Kampf dagegen wird nicht uneingeschränkt goutiert. Daran entbrennt sich der Streit, daran scheiden sich die Geister und nicht etwa an der Frage, ob es nötig sei, Diskriminierungen jeglicher Couleur entgegen zu wirken. (Selbstverständlich ist das nötig!)

    Ich habe, als ich das A-Team plante, bewußt entschieden, den Fokus weniger auf Awareness (bloßes Anzeigen des Problems) als mehr auf Konfliktmanagement und Deeskalation (konstruktives Lösen des Problems) zu legen. Dafür übernehme ich auch die volle Verantwortung. Es erschien und erscheint mir klüger, mit den Congressbesuchern vernünftig und im Vertrauen zu reden, problematische Situationen zu beleuchten und Argumente auszutauschen. Nennt es meinethalben, „den Erklärbär machen“ – ich finde, das ist das Wichtigste daran. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass der Großteil unseres Publikums vernünftigen Argumenten zugänglich und an konstruktiven Lösungen interessiert ist. In dieser Annahme hat mich meine diesjährige Arbeit im A-Team auch bestätigt – alle Gespräche, die ich in diesem Zusammenhang führte, waren konstruktiver Natur.

    Der Begriff „awareness“ wird mir im Zuge der gesamten, den 29C3 begleitenden Sexismus-Debatte immer unsympathischer. Denn es geht dabei nicht darum, ein erkanntes Problem konstruktiv zu lösen, sondern lediglich darum, es anzuzeigen – etwas dafür zu tun, dass Leute einem Problem ‚gewahr‘ werden. Mit dem ganzen Rest – nämlich der Frage „Wie löse ich das Problem denn jetzt?“ – werden sie allein gelassen. Der „awareness“ mangelt es am Interesse, das angezeigte Problem auch zu lösen und dadurch wird die Anzeige schnell zum Selbstzweck, zum Gegenstand der persönlichen Profilierung: „Seht alle her, wie aware ich bin, ich habe schon 5 Fälle von Sexismus angezeigt!“

    Im selben negativen Licht sehe ich repräsentative Maßnahmen, wie das öffentliche Anprangern vermeintlicher Übeltäter auf Twitter, das Reposten sexistischer Darstellungen zum Zwecke des Anprangerns, das Aufhängen von Plakaten, das Tragen von Uniformen (und seien es nur einheitliche T-Shirts) oder das Ausgeben von farbkodierten Redekarten. Sie sind nicht daran interessiert, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden und greifen deshalb zu kurz. „Awareness“ allein ist nett gemeint, bringt uns an dem Punkt aber nicht weiter. Es muß auch ein Forum geben, das Anzeigen beleuchtet, bespricht, diskutiert und erklärt – schon allein deshalb, weil jede Anzeige die Gefahr einer Falschanzeige (false positive) birgt. Andernfalls kommen wir mit all der „awareness“ nämlich schnell in Bereiche der Lynchjustiz, der Mistgabeln und Fackeln – und die haben nichts mit respektvollem Umgang, Sensibilität, Vernunft und gegenseitiger Rücksichtnahme zu tun. Sie bekämpfen nicht Diskriminierung, sondern befördern sie und das ist nicht mein Ziel.

    Wenn wir also gemeinsam darüber nachdenken, was wir im nächsten Jahr besser machen könnten, dann habe ich ein paar Vorschläge:
    * die Erreichbarkeit erhöhen (DECT war cool bei 3000 Congressbesuchern, bei 6000 reicht es evtl. nicht mehr)
    * Rückzugs- und Entspannungsräume anbieten (für alle Menschen, nicht allein für Frauen)
    * selbst-organisierte, konstruktive Workshops: „Wie mache ich meine Grenzen klar?“, „Wie gehe ich mit Angehörigen der diskriminierten Gruppe X/Y um, wenn ich deren Diskriminierung nicht iterieren möchte?“, etc.pp.
    * größeres Bewußtsein für die Eigenverantwortung jedes Besuchers schaffen: der Congress ist keine von der Orga angebotene Konsumveranstaltung
    * weniger Profilierungswut, weniger mit dem Finger Gezeige, weniger Zwang zur „awareness“, weniger Aufdringlichkeit, weniger Demonstration von Exklusion
    * mehr Erklärbären, mehr vernünftige, konstruktive Gespräche, mehr Angebote für freiwillig Interessierte, mehr Demonstration von Inklusion

    [¹] http://adainitiative.org/2013/01/ending-sexism-in-hacker-culture-a-work-in-progress/#comment-10376

    • Ich denke, du arbeitest dich an einem recht eingeschränkten Verständnis von „Awareness“ ab – ich würde es eher als „Achtsamkeit“ denn als „Aufmerksamkeit“ übersetzen. Jedenfalls, wenn du schreibst, dass ihr im A-Team »Konfliktmanagement und Deeskalation« betreiben wolltet, sich aber gleichzeitig das Hauptproblem »vornehmlich in “Kleinigkeiten” [äußert]«, solltet ihr dann nicht euren Schwerpunkt überdenken? Oder andersrum: Denkst du, euer Tätigkeitenfokus (erklären und Konflikte managen) hilft tatsächlich gegen das, was ihr bzw. du als Hauptproblem ausgemacht habt bzw. hast? Ich würde in dem Zusammenhang doch eher Theresas Absatz zustimmen:

      Diese kleinen Dinge können in der Masse tief sitzen, aber würde man für jeden einzelnen das A-Team anrufen, insbesondere dann, wenn die eigenen Freund*innen diese Aussagen gemacht haben und man gerne nicht die nächsten paar Tage ohne Peer Group dastünde? Diese kleinen Dinge sind vielen vermutlich gar nicht bewusst, sondern gehören halt “irgendwie dazu”, und wenn sich jemand darüber aufregt, wird diese Person bestenfalls als sensibel und schlimmstenfalls als “feministische Extremistin” tituliert. Ich kann dieses Wort nicht mehr hören, und das obwohl ich noch nicht mal so genannt wurde.

      Das meinte ich in meinem vorherigen Kommentar, und deshalb meine ich, dass vielleicht ein proaktiverer Ansatz nötig ist. Nicht, dass ich denken würde, dass das einfach ist.

      • Adrian, meine Assoziationen zu „awareness“ im Zusammenhang mit der 29C3-Sexismus-Debatte sind gegenüber meinen Vorstellungen von Anti-Diskriminierungs- und Aufklärungsarbeit im Großen, Ganzen und Allgemeinen wahnsinnig beschränkt. Aber genau das ist doch der Punkt. Ich halte den Sturm der Entrüstung über den Sexismus auf dem 29C3, der sich am Begriff „awareness“ kristalisiert, großenteils (nicht ausschließlich) für unangemessen, unsachlich und unproduktiv. Die Protagonisten fragen zu selten danach, welche konkreten Maßnahmen die Situation diskriminierter Gruppen auf dem Congress verbessern können und was sie als Teilnehmer des Congresses, als Mitglieder der Community selbst, eigenverantwortlich dafür tun können.

        Ich bestreite überhaupt nicht, dass es durchaus geeignete proaktive Maßnahmen gibt, die zu einer Verbesserung der Situation führen. Ich habe mich bspw. damals für die Einführung einer expliziten Anti-Harassment-Policy eingesetzt. Ich spreche mich auch dafür aus, aktiv auf Mitglieder diskriminierter Gruppen zuzugehen, sie auf den Congress aufmerksam zu machen und zu Vorträgen, zu Workshops, zur Präsentation ihrer Projekte oder dergleichen mehr zu motivieren. Und ich begrüße es, dass der Congress seit Jahren physisch Raum für die Auseinandersetzung mit solchen Themen bietet. Aber es gibt eben auch proaktive Maßnahmen, die ich ablehne, weil ich sie für kontraproduktiv, aufdringlich, bevormundend, autoritär, exkludierend oder schlicht und ergreifend (im Kontext des Congress‘) nicht zielführend halte. Ich habe sie oben aufgezählt. Es muß möglich sein, darüber zu diskutieren, Maßnahmen vorzuschlagen oder abzulehnen und ggf. sachliche Kritik zu üben, ohne mit Scheiße beworfen zu werden (egal von welcher Seite) – denn genau da beginnen für mich Aufklärung und Sensibilisierung.

    • Bravo!

      Ich wuerde allerdings vorschlagen, „Awareness“ nicht voellig aufgeben — allerdings in einer praeventiven Form, die Bewusstsein auch bei denen schafft, fuer die die Antidiskriminierung nicht im Vordergrund steht.

      Das waere z.B. eine Mail an alle Speaker vor der Konferenz (zunaechst vielleicht ohne die Lightning Tasks weil im ersten Schritt unpraktikabel), mit dem Angebot dem A-Team die Slides zukommen zu lassen, so dass auf ggf. problematische Darstellungen hingewiesen werden kann. Die Verantwortung sollte dabei allein beim Speaker bleiben, es kann das Angebot ignorieren, gegebene Hinweise ignorieren (Slides koennen durch den Vortrag einen anderen Rahmen bekommen), aber es muss dann auch alleine dafuer geradestehen. Es ist wesentlich einfacher eine Slide zu aendern bevor sie an der Wand ist: _Danach_ ist erst zusaetzlich die kognitive Dissonnanz von „Ich war eben — und wenn auch nur subtil — sexistisch/diskriminierend.“ zu ueberwinden.

      Dies allein kann hoffentlich einiges an Reflektion bei den Vortragendes ausloesen (selbst bei jenen, die keine Slides schicken). Und: Die Verbesserung koennen ggf. sogar als positives Element der Oeffentlichkeit gezeigt werden, damit Bewusstsein schaffen, die Vortragendes motivieren und auch der Aussendarstellung des Kongresses helfen — oder zumindest ein Gegengewicht zu notwendigen, aber unangenehmen Massnahmen schaffen.

      Und wenn die Speaker ihre Slides nicht am letzten Tag vorbereiten, erlaubt dies die Arbeit zumindest ein wenig ausserhalb der heissen ‚live-und-on-air-Phase‘ mit den mehr als 6000 galaktischen Lebewesen des Kongresses zu verlagern.

      Und ja, ich weiss: Das ist jede Menge harte Arbeit.

  9. Danke für den Bericht. Ich möchte einige Fragen loswerden, die ich mir seit Tagen Stelle. Ich war nämlich auch auf dem Congress und habe immer wieder (neben der Kritik an den Cards) auch Kritik an dem Team selbst gehört. Wie steht ihr dazu?
    Glaubt ihr, dass die Hacker-Community hinter eurem tun steht? Habt ihr nicht doch vielleicht selbst dazu beigetragen, das Thema so zu eskalieren, vielleicht indem ihr euch zur (wie du es nennst) Sittenpolizei selbst ausgerufen habt?
    Würdest du sagen, dass der Kongress in Zukunft prinzipiell politisch korrekter sein sollte, also nicht nur in Sachen Sexismus, sondern auch was Homophobie, Ernährungsgrundsätze, Glaubensbekenntnisse und Verletzung religiöser Gefühle oder beispielsweise der Anteil von Migranten bei den Vorträgen usw. Sein sollte?

    • Glaubt ihr, dass die Hacker-Community hinter eurem tun steht?

      Die Hacker-Community ist sehr heterogen, sodass ich das schwer einschätzen kann. Ich hatte den Eindruck, die meisten stehen hinter der Policy und sind für eine Durchsetzung, nur die Art und Weise unterscheidet sich. Während des Congress hörte ich schon mal ein „Die Leute nehmen euch nicht ernst“, wobei darauf dann nicht näher eingegangen und keine Gründe gebracht wurde. Wo konkrete Verbesserungsvorschläge gebracht wurden, wurde damit nicht das bisherige Tun diskreditiert. Schlichtende Gespräche wurden, soweit mir bekannt, von den Beteiligten als konstruktiv wahrgenommen. Insofern denke ich, die Community steht schon dahinter, was wir getan haben bzw tun.

      Habt ihr nicht doch vielleicht selbst dazu beigetragen, das Thema so zu eskalieren, vielleicht indem ihr euch zur (wie du es nennst) Sittenpolizei selbst ausgerufen habt?

      Nein, das denke ich nicht. Der Begriff Sittenpolizei fiel im Zusammenhang mit dem Vorschlag, proaktiv über den Congress zu gehen und (beispielsweise) „Sexismus anzuprangern“. Dies war explizit nicht der Fokus des Teams und dies ist auch nicht passiert, wir gingen nur Beschwerden nach. Insofern bin ich mir sicher, dass wir nicht eskaliert, sondern deeskaliert haben.

      Würdest du sagen, dass der Kongress in Zukunft prinzipiell politisch korrekter sein sollte, also nicht nur in Sachen Sexismus, sondern auch was Homophobie, Ernährungsgrundsätze, Glaubensbekenntnisse und Verletzung religiöser Gefühle oder beispielsweise der Anteil von Migranten bei den Vorträgen usw. Sein sollte?

      Wie oben angedeutet sind Homophobie und Rassismus durchaus Probleme, die direkt in den Bereich der Policy passen und als solche natürlich angegangen werden sollten. Ich rede hier vom Dialog über strukturelle Probleme und über Verständigung zwischen Menschen (Was Mitch sagt: „Be excellent to each other!“), nicht von einem Verbot von Satire oder ähnlichem.

  10. Ich würde gern eine zweite Sache anmerken, die mir in den letzten Tagen beim lesen der verschiedenen Blogs auffiel: habt ihr mal bemerkt, wer die Kommentare offen hat, sich der Diskussion stellt, konstruktive Kritik und Kommunikation ganz praktisch zulässt (wie hier im Blog) und wer eben nicht?
    Das fand ich sehr spannend zu beobachten, es sagt auch viel über das manchmal gescholtene awareness-Team und über die mittlerweile ja bekannten Initiatoren der Cards und der Empörungstweets. Deswegen möchte ich mich beim awareness-Team ganz besonders bedanken für euren Kommunikationsstil. Er hebt sich angenehm ab, nicht nur von einigen Dauer aufgebrachten Zeitgenossen, sondern auch von dem generellen Trend in der Netzgemeinde. Danke!

  11. Also zuerst einmal sollte man sich darüber klar sein, dass wir hier über Veränderungen in der Gesellschaft sprechen. Wer hier Fortschritte im Tagesrhythmus erwartet oder vorraussetzt entbehrt sich selbst jeden Respekt der Gegenseite. Zudem sollte man den Punkt der Diskussion nicht nur auf den Sexismus reduzieren, auch wenn das eine Gruppe anders sieht.

    Desweiteren halte ich das hier präferierte Kommunitaktionsmedium Twitter für unvergleichbar schlecht. Durch die Kürze ist die Kommunikation stark beschränkt und Missverständnisse vorprogrammiert. Zudem ist dieses doch eher anonyme Kommunizieren zur Konfliktlösung nicht geeignet. Oftmals wird deswegen nur vom Hörensagen berichtet was andere dann als Quelle und Fakt weiterleiten. Es „rantet“ sich auch wesentlich einfacher, wenn der Gegenüber nicht real vor einem sitzt/steht.
    Für Aussenstehende erweckt sich auch der Eindruck als wenn sich eine kleine Gruppe über Twitter gegenseitig „heiss macht“/anstachelt und dabei sehr unrealistische Forderungen entwickelt.

    Was ist denn das Problem daran, dass das A-Team so handelt, wie du es beschrieben hast? Also erst nach einem eventuellen Vorfall und nicht mit einem Generalverdacht oder mit Patrouillen der Sittenpolizei. Denn wenn die Flauscheria und Anhang nicht da gewesen wären, hätten sich nicht nur die „Vorfälle“ drastisch reduziert sondern die „Awareness“-Aufmerksamkeit würde nicht von der Flauscheria und ihren Karten „geklaut“ (oder besser überschattet).

    Ich verstehe bei der ganzen Diskussion ehrlich nicht, wie man sich bei der Innenpolitik über genau diese Methoden: Krawall erzeugen (lassen) und dann Restriktionen und Generalverdacht mit dem FUD durchdrücken. aufregt und diese anprangert aber auf dem eigenen Kongress eine Gruppe so agieren lässt.

    Die Frage ist ja auch: Wann agiert man als A-Team? Was ist zu ahnden? Was bedarf der Einschreitung? Wie schreitet man ein? Was ist wenn die Person gar nicht auf dem c3 ist? Was ist wenn eine Person auf dem c3 ist aber in einem nicht c3/CCC-verbundenem Medium „etwas“ gemacht/gesagt/getan hat?
    In meinen Augen kommen wir hier ganz schnell an Grenzen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Aber hier frage ich: Müssen wir diese kontrollieren? Kann man den Besuchern/Mitgliedern nicht soweit genug Eigenverantwortung gestatten?
    Den meisten Besuchern hat die Atmosphäre sehr gefallen. Dann kommt eine Gruppe, die vorher schon weiß, dass alles ganz schlecht ist, und versucht ihre Regeln durchzudrücken. Kritik oder Satire ist nicht erlaubt. Diskussion innerhalb der Gruppe ja, aber mit der Aussenwelt auch eher unerwünscht.

    Wenn das A-Team und die Security nichts zu tun hatten ist es dann ein guter oder ein schlechter Kongress?

    Hier sollte der CCC selber die Regeln aufstellen wie es auf seinem c3 abläuft und nicht von externen Gruppen. Der CCC hat eine Policy und das A-Team stand in den Startlöchern, war aber scheinbar mehr damit beschäftigt die Probleme einer anderen Gruppe zu lösen bzw. gerade zu rücken. (Auch hier gibt es passende Negativbeispiele aus der Politik: private Sicherheitsdienste die mit eigenen Regeln den US-Streitkräften das Leben schwer machen)
    Die große Mehrheit findet es seit Jahren sehr angenehm auf dem c3. Generalverdacht, Sittenpolizei und Awareness als das Kernthema würden den c3 kaputt machen. Hier muss der CCC entscheiden was er will.

    • Danke für den langen Kommentar, der viele wichtige Fragen und Diskussionspunkte enthält.

      Wer hier Fortschritte im Tagesrhythmus erwartet oder vorraussetzt entbehrt sich selbst jeden Respekt der Gegenseite.

      Was genau meinst du hier mit „Fortschritte im Tagesrhythmus“? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.

      Desweiteren halte ich das hier präferierte Kommunitaktionsmedium Twitter für unvergleichbar schlecht. Durch die Kürze ist die Kommunikation stark beschränkt und Missverständnisse vorprogrammiert.

      Darin stimme ich dir zu, auch ich halte Twitter definitiv für kein Medium, das sich für Awarenessarbeit eignet. Meiner Einschätzung nach hat es der Kommunikation während des Congress weit mehr geschadet als genützt. Dieser Punkt klingt im Artikel jetzt nur leicht an, wenn überhaupt.

      Was ist denn das Problem daran, dass das A-Team so handelt, wie du es beschrieben hast? Also erst nach einem eventuellen Vorfall und nicht mit einem Generalverdacht oder mit Patrouillen der Sittenpolizei.

      Das Handeln des A-Teams war für das Problem direkter Übergriffe gut geeignet, wobei sich diese stark in Grenzen gehalten haben. Für ein weit häufiger aufgetretenes Problem, nämlich subtileren Sexismus, ist es meiner Meinung nach nicht das geeignete Mittel, wie ich im Artikel ausgeführt habe. Hier wäre es möglicherweise notwendig gewesen, proaktiv das Gespräch mit Leuten zu suchen. Noch einmal: Hier geht es nicht um den Verdacht, dass jemand „ein böser Sexist ist“, sondern um das Sensibilisieren, wie das eigene Handeln (vermutlich unbeabsichtigt) auf andere Menschen wirkt und wie es in ein gesamtgesellschaftliches Problem, beispielsweise Sexismus, reinspielt. Es geht um Vermittlung, nicht um Anklage. Ich gestehe Betroffenen durchaus zu, verletzt und aufgebracht zu sein, aber das A-Team sollte vermittelnd tätig sein, sofern es sich bei dem Vorfall nicht um ein „No-Go“ handelt.

      Denn wenn die Flauscheria und Anhang nicht da gewesen wären, hätten sich nicht nur die “Vorfälle” drastisch reduziert sondern die “Awareness”-Aufmerksamkeit würde nicht von der Flauscheria und ihren Karten “geklaut” (oder besser überschattet).

      Ob es weniger Vorfälle oder lediglich andere, unsichtbarere, gegeben hätte, kann niemand mit Sicherheit sagen. Ich persönlich bezweifle, dass ein Nichtvorhandensein der Karten zu keinem/weniger Sexismus geführt hätten. Die Karten haben nur stark polarisiert und der Debatte auf dem Congress viel Raum gegeben. Ich finde es legitim, wenn Leute das anstrengend finden. Auch haben sie uns als A-Team viel Arbeit beschert, aber gleichzeitig die Debatte um die Umsetzung der Policy befeuert, zu der das A-Team gehört. Insofern würde ich nicht von „überschattet“ sprechen.

      Die Frage ist ja auch: Wann agiert man als A-Team? Was ist zu ahnden? Was bedarf der Einschreitung? Wie schreitet man ein? Was ist wenn die Person gar nicht auf dem c3 ist? Was ist wenn eine Person auf dem c3 ist aber in einem nicht c3/CCC-verbundenem Medium “etwas” gemacht/gesagt/getan hat?

      Das sind alles wichtige Fragen, über die nun geredet werden muss. Ein detailliertes Beantworten würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen und darüber würde ich gern zunächst mit dem Rest des Teams reden, deswegen werde ich an dieser Stelle davon absehen.

      In meinen Augen kommen wir hier ganz schnell an Grenzen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Aber hier frage ich: Müssen wir diese kontrollieren? Kann man den Besuchern/Mitgliedern nicht soweit genug Eigenverantwortung gestatten?

      Wir müssen nicht alles kontrollieren, aber wir können als Congress bzw. als CCC eine Position dazu beziehen. Damit sprechen wir niemandem seine Eigenverantwortung ab.

      Hier sollte der CCC selber die Regeln aufstellen wie es auf seinem c3 abläuft und nicht von externen Gruppen. Der CCC hat eine Policy und das A-Team stand in den Startlöchern, war aber scheinbar mehr damit beschäftigt die Probleme einer anderen Gruppe zu lösen bzw. gerade zu rücken.

      Die Probleme einer anderen Gruppe, damit meinst du „die Feminist*innen“ (die es innerhalb der CCC-Orga durchaus gibt) oder „Menschen, die in unserer Gesellschaft Diskriminierung ausgesetzt sind“ (was gerade auf dem Congress kein geringer Anteil der Besucher*innen sein sollte) oder „die Flauscheria“ (die nicht die einzigen sind, die sich über Diskriminierung jenseits von direkten Übergriffen aufregen, und die auch keine homogene Gruppe sind)?
      Ich halte es nicht für zielführend, hier Fronten aufzumachen, wo keine sind bzw keine sein sollten. Stattdessen sollte eine breite Diskussion darüber stattfinden, wie wir den Congress tatsächlich zu einem angenehmeren Ort machen können, und das nicht nur für gesellschaftlich privilegierte Menschen.

      • Mit „Fortschritte im Tagesrhythmus“ meine ich, dass ein Wandel (in) der Gesellschaft nicht von einem auf den nächsten Tag geschieht. Sehr viele Menschen müssen dafür ihre Angewohnheiten und Einstellungen ändern. Das braucht Zeit.
        Die Aktionen und Forderungen kommen mir so rüber, als wenn sie auf eine schnellst mögliche Änderung aus sind. Ich denke aber das von dir beschrieben Vorgehen des A-Team ist ein guter Weg langfristig und nachhaltig bei diesem Thema eine Änderung einzuführen. Denn anders als beim Bloßstellen sehe ich im Gespräch nach einer Beschwerde eine wesentlich größere Chance, dass die Person nicht automatisch eine defensive Haltung eingeht und sich auf das Thema gar nicht einlässt.

  12. Pingback: Netzpolitik & Internet-Aktivismus: Linkspam-Freitag

  13. Pingback: Nochmal in Ruhe: Was war? – Und woher die Sprengkraft? « HeteroSexismus hacken

  14. Pingback: Vom Erfolg des Mems “#Aufschrei” und seiner Vorgeschichte

  15. Pingback: Back to Topic: Worüber sprechen wir auf Konferenzen? | Resas Ramblings